Pater Pio von Pietrelcina Briefe II
Korrespondenzen mit Donna Raffaelina Cerase (1914-1915)
Ein wichtiges Buch um tiefere Einblicke in das Leben Padre Pios zu erhalten. Der zweite Band enthält Korrespondenz von Pater Pio mit die Adligen Raffaelina Cerase.
810 Seiten
P. Alessandro da Ripabottoni

















Der zweite Band seiner „Briefe“ dokumentiert die intime geistliche Korrespondenz mit Donna Raffaelina Cerase und gibt tiefe Einblicke in sein spirituelles Leben sowie seine mystischen Erfahrungen. Das Buch vermittelt mir das Zeugnis eines großen Mystikers. Gleichzeitig kann ich mich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, darin auch die Selbstzeugnisse eines psychisch auffälligen Mannes zu sehen, der religiöse Phänomene zur Absicherung seines Einflusses nutzte.
Pater Pios Tonfall wirkt auf moderne Leser oft überraschend kühl, streng und fordernd statt einfühlsam oder liebevoll. Man muss dabei allerdings den Kontext der damaligen Zeit berücksichtigen.
Für diese distanzierte und harte Wirkung der Korrespondenz sehe ich im Wesentlichen drei Gründe:
1. Das Konzept der „geistlichen Strenge“ (Askesis)
In der Tradition der katholischen Mystik des frühen 20. Jahrhunderts galt „Liebe“ in der Seelenführung nicht als sanfter Trost. Pater Pio sah seine Aufgabe darin, die Seele radikal von allen weltlichen Anhänglichkeiten zu reinigen. Nach diesem Verständnis war eine zu sanfte Sprache gefährlich, weil sie die Eigenliebe hätte füttern können. Strenge galt damals als Form einer „höheren“ Liebe, die das ewige Heil über das momentane Wohlbefinden stellt.
2. Der Schutz vor emotionaler Nähe
Um sich selbst und seine Briefpartnerin vor dem Verdacht einer ungebührlichen emotionalen oder romantischen Bindung zu schützen, wählte er bewusst eine extrem formelle, fast unpersönliche und theologische Sprache.
3. Die Wechselhaftigkeit der Umstände
Sein Verhalten, das von emotionalen Forderungen und plötzlichem Schweigen geprägt ist, empfinde ich als manipulativ, ja fast als ungesunde Beziehungsdynamik. Andererseits mögen diese extremen Pausen in der Korrespondenz auch durch die Belastungen des Ersten Weltkriegs und seine eigenen schweren Krankheiten bedingt gewesen sein. Vielleicht trifft alles auf einmal zu.
Die Verschmelzung von menschlichen Bedürfnissen mit dem göttlichen Willen in seinen Aussagen erschwert eine klare Einordnung. Seine Kommunikation, die ständig zwischen emotionaler Nähe und abweisender Distanz wechselt, wirkt auf Außenstehende widersprüchlich und seltsam.
Wie gesagt, habe ich das Buch noch nicht zu Ende gelesen. Es fällt mir auch schwer, weiterzulesen, da mir dieser Tenor nicht behagt. Dennoch werde ich es – in Etappen – zu Ende führen.
Für mich persönlich wird durch diese Lektüre einmal mehr von Bedeutung, dass wir freien Zugang zur Heiligen Schrift haben. Darin finden wir Weisung, Stärkung und Tröstung – und brauchen dafür nicht unter allen Umständen einen menschlichen Vermittler.